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    Es hat mich gebrochen - und doch nicht: 59 Stunden dort, wo die Berge den Himmel berühren

    Aum Gandhi
    Aum Gandhi

    Der morgendliche Weckruf schrillte durchs Camp. Etwas aufgeregt und in Aufbruchsstimmung packte ich meinen Schlafsack in den Kompressionsbeutel. Die Luft in meinem Zelt war kalt, aber beim Packen meiner Laufausrüstung wurde mir warm. Als ich das Zelt verließ, sah das Wetter eigentlich ganz gut aus. Aber da wir auf 2.400 Metern starteten und noch einiges an Höhenmetern vor uns hatten, konnten sich die Verhältnisse rasch ändern. Also schnallte ich meine Handschuhe und meine GORE-TEX® Mütze außen an meinen Rucksack, damit ich sie jederzeit schnell zur Hand haben würde. Ich zog meine Mammut Crater Light HS GORE-TEX® Jacke an, um der kühlen Morgenluft zu trotzen. Die Ausrüstung hielt mich warm, ohne dass mir zu heiß wurde.

    Was machte ich hier eigentlich? Ich hatte mich schon vor Jahren für diesen Ultralauf angemeldet. Immer wieder kam etwas dazwischen, doch jetzt hatte ich endlich Zeit gefunden, meinen Plan in Kirgisistan wahr zu machen. Jetzt war ich hier, mitten im Hochgebirge, und stand nach dem Ice Ultra in der Arktis erneut vor extremen körperlichen Herausforderungen. Mein Ringen um Klarheit und Perspektive hatte schon lange vor Beginn dieses fünftägigen Laufs begonnen.

    Bildnachweis: Clorroe

     

    Ich neige dazu, zu viel nachzudenken. Für jede nur denkbare Situation male ich mir zig Szenarien aus, die schiefgehen könnten. Glücklicherweise hat mich genau diese Wachsamkeit bislang gut auf meine Ultraläufe in den extremsten Regionen der Welt vorbereitet. Seit meinem ersten 400-Meter-Lauf 2018, den ich als Ausgleich zu meinem extrem stressigen Job als Bauingenieur gemacht habe, bin ich zahlreiche Ultras in der Wüste, im Dschungel, in den Bergen und in der Tundra gelaufen. Über die Jahre hat sich die Frage nach dem „Warum“ verändert und ich habe meine wahren Motive oft hinterfragt. Während dieses Ultralaufs im kirgisischen Tian-Shan-Gebirge lieferte der Schmerz die Antwort auf mein unterbewusstes „Warum“. Da ich es über die Jahre nie in Worte gefasst hatte, war mir gar nicht richtig bewusst gewesen – oder ich wusste es nicht zu schätzen – wie sehr mir die Kraft der Natur dabei hilft, durch all den Lärm hindurch wieder zu mir selbst zu finden.

    Bildnachweis: Clorroe

    Nach einer dreitägigen Trekkingtour zur Akklimatisierung schleppte ich mich durch den ersten Tag. Die 30 Kilometer lange Etappe lieferte einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Anstiege – brennende Oberschenkel inklusive. In den exponierten Canyons blieb mir fast die Luft weg. Anstelle des Regens vom Vorjahr erwartete uns eine brutal heiße Woche unter sengender Sonne. Wie schon beim Ice Ultra erreichte ich das Ziel am ersten Tag nur mit größter Mühe. Dabei war das bei weitem die einfachste Etappe. Die zweite Etappe führte hoch zum ersten mächtigen Pass, den Telety-Pass auf 3.800 m. Auf einen langen und zermürbenden Anstieg folgte ein steiler Abstieg. Auf dem Weg nach unten war ich in technisch anspruchsvollem Gelände kurz unkonzentriert – da passierte es.

    Bildnachweis: Clorroe


    Ich knickte mit dem rechten Knöchel um und spürte ein Knacken. Der Schmerz durchfuhr mich, als ich versuchte weiterzulaufen, aber es ging kaum mehr. Mehr noch als der Schmerz überkam mich ein Gefühl der Frustration. Ich fluchte innerlich. Es waren nur noch knapp 7 Kilometer und ich lief weiter, unsicher, was als Nächstes passieren würde. Ich lief schneller, obwohl ich immer noch irgendwie hinkte, in der Hoffnung, dadurch die Durchblutung meines Knöchels anzuregen. Am letzten medizinischen Checkpoint des Tages vor dem Ziel informierte ich die Sanitäter über meine Verletzung und traf auf einen Läufer aus Schottland, mit dem ich mich auf der Trekkingtour angefreundet hatte. Wir sprachen offen darüber aufgeben zu wollen, und liefen trotzdem weiter. Als wir uns dann weiter bergab bis ins Camp schleppten, merkte ich, dass ich mir selbst überhaupt keine Vorwürfe gemacht hatte.

    Bildnachweis: Clorroe


    Von da an zählte für mich nur noch der nächste Schritt, die nächste Etappe. Sowohl beim Ice Ultra als auch bei meinen Berg-Ultras gab es eine Diskrepanz zwischen dem, was ich erwartet hatte, und dem, wie es tatsächlich ablief. Es kam immer anders als gedacht. Als gelernter Planungsingenieur hatte ich seit dem Spätsommer 2025 neben meinem Vollzeitjob Hunderte von Stunden damit verbracht, auf mehrere schwierige Prüfungen zu lernen. Als jemand, der sich ständig neue Ziele setzt, musste ich mir erst mal klar machen: Es geht darum, Spaß zu haben und die Herausforderung zu genießen. Zwischen Lernen, Laufen und Arbeit war jeder Tag eine echte Herausforderung.

    Daran erinnerte ich mich. Auf den nächsten beiden Etappen lief ich weiter, obwohl es mir mit jedem Tag schwerer fiel. Auf der dritten Etappe erwartete uns der höchste Anstieg des gesamten Laufs: der Aussichtspunkt am Ala-Kul-See auf 3.900 Metern. Auf den Uphill folgte ein mörderischer einstündiger Abstieg über Geröll. Jede Phase des Laufs erforderte Orientierungsvermögen, Teamwork und volle Konzentration. Ein falscher Schritt hätte das Aus bedeutet. Das Tian-Shan-Gebirge stellte uns körperlich und mental auf die Probe. Ich beendete die dritte Etappe im Dunkeln zusammen mit anderen Athleten, die bis zum Schluss meine Laufgefährten bleiben sollten. Wir wurden zu Leidensgenossen und stellten uns unseren tiefsten Abgründen.

    Bildnachweis: Clorroe


    Wer war ich als es mir am schlechtesten ging? Das war die Frage, mit der ich mich auf den letzten beiden Etappen des Laufs, den beiden längsten Tagen, auseinandersetzen musste. Bei der vierten und höchsten Etappe bewegten wir uns oberhalb von 3.000 Metern und mussten drei steile Pässe bewältigen. Beim ersten Anstieg an diesem Tag setzte ich mich auf einen Felsen, völlig erschöpft und kraftlos. Das Wetter schlug ständig um. Im Schatten dieser mächtigen Berge wehte eine kühle Brise. Je nachdem wie es mir angenehm war, zog ich meine Mammut Crater GORE-TEX® Jacke und meine Ausrüstung mehrmals an und aus. Dann lief ich weiter. Während der letzten anderthalb Etappen fühlte ich mich zerknirscht, müde, hungrig, traurig und wütend. Ich empfand aber auch Stolz, Freude und Dankbarkeit. In unserer ursprünglichsten Form und ganz im Hier und Jetzt zählten nur unsere Taten – ungeachtet unserer Emotionen. Wir alle spürten unsere Höhen und Tiefen: bei jeder Bachüberquerung, jedem steilen Anstieg und jeder Herausforderung entlang der Strecke.

    Bildnachweis: Clorroe


    Die fünfte (und mit Abstand längste) Etappe brachte den letzten steilen Anstieg mit sich und sollte am Ende erst nach vierzehn Stunden im Ziel enden. Bei diesem Anstieg hielt ich alle 50 Meter an und rang nach Luft. Ich rang nach Luft, als ich bei einem unglaublichen Sonnenuntergang den Gipfel erreichte. „Das hat mir jetzt den Rest gegeben“, rief ich aus. Dann wurde mir klar, dass ich es überlebt hatte. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass extreme Ultraläufe ein Teil meines Lebens sind. Die Unverfälschtheit, die Emotionen, die Bewegung, die Höhen und Tiefen. Alles, wovon ich dachte, ich würde daran zerbrechen, konnte mich nicht besiegen. Ich hatte es überlebt und lief immer noch. Zusammen mit meinen Erinnerungen und den neuen Freundschaften nahm ich diese neue Perspektive mit nach Hause. Das war eine Einsicht, die ich schon oft gespürt hatte, aber nie in Worte fassen konnte. Es hat mich gebrochen … und doch nicht. Jetzt, wo ich für eine weitere Ingenieursprüfung lerne und gleichzeitig für mein nächstes großes Abenteuer trainiere, werde ich mir diese Worte zu Herzen nehmen. Es gibt mich immer noch.

    Bildnachweis: Clorroe
    Aum Gandhi Aum Gandhi

    Aum Gandhi

    Aum ist als professioneller Ultraläufer für die Marke GORE TEX® aktiv und hat eine tief verwurzelte Leidenschaft für den Sport und die Trail Community. Mit seinen sportlichen und persönlichen Aktivitäten möchte er andere inspirieren und positiv beeinflussen.

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